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09.03.2017 18:30

20 jahre Neuer Markt: Einige haben überlebt... und zahlen Dividende

Pommesbuden mit Milliarden-Bewertung, astronomische Zeichungsgewinne, durchgeknallte Gründer und hysterische Anleger. Nein, die Rede ist nicht vom Snapchat-Börsengang, sondern vom Neuen Markt. Vor genau 20 Jahren, am 10. März 1997, fiel der Startschuss für das Wachstumssegment, das erst einen beispiellosen Aktien-Boom auslöste und dann krachend implodierte. Von den einst über 330 Firmen haben bloß 150 überlebt. Einige davon übertreffen inzwischen nicht nur ihre alten Höchstkurse, sondern tun sogar etwas, das in der „New Economy“ total uncool war – zuverlässig Dividende zahlen. Unsere Top 7 mit den Überlebenden vom Neuen Markt, garniert mit ein paar Anekdoten aus einer Zeit kollektiver Gehirnerweichung.

Diese Woche Freitag ist es genau 20 Jahre her, dass die Frankfurter Börse den Neuen Markt gestartet hat. Ein Handelssegment speziell für Wachstumsunternehmen: Junge Technologiefirmen, Internet-Buden und Medienklitschen, die noch nie schwarze Zahlen geschrieben hatten, bisweilen nicht einmal nennenswerte Umsätze vorweisen konnten – dafür aber kühne Visionen, mit denen man seinerzeit nicht frei nach Helmut Schmidt zum Arzt, sondern eben an die Börse ging.

Biodata: Snapchat anno 2000

Die Investoren, vom Profi über den Professor bis zur Putzfrau, waren elektrisiert. Endlich konnte jeder reich werden, ohne Arbeit und sogar ohne lästiges Wissen. Beispiel Biodata: Weil die Firma ausweislich ihres Namens ja wohl gleich die beiden heißesten Megatrends des neuen Jahrtausends – Biotechnologie und Datenverarbeitung – ins Visier nahm, entwickelte sich um die am 21. Februar 2000 zu 45,00 Euro platzierte Aktie ein solcher Hype, dass der erste Börsenkurs einen Tag später bei sage und schreibe 240,00 Euro festgestellt wurde. Ein Plus von 433%, wodurch der 100-Mann-Laden, der ein Jahr zuvor gerade 8,2 Mio. Euro umgesetzt hatte, mit vier Milliarden Euro bewertet wurde.

Ähnlichkeiten mit dem Snapchat-Börsengang vergangene Woche in New York sind natürlich rein zufällig. Aber manchmal sind Zahlen eben egal, genauso wie der Umstand, dass es sich bei Biodata bloß um einen schnöden Netzwerkausrüster handelte, der mit Biotechnologie ähnlich wenig am Hut hatte wie die Lufthansa oder andere Dinosaurier der mitleidig belächelten Old Economy.

Rinderwahn-Aktie als Aprilscherz

Der Gipfel des Irrsinns war ohnehin schon vorher erreicht worden. Am 1. April 1998, als überall im Land die Angst vor einer schwammartigen Gehirnerweichung bei Rindern grassierte, medizinisch Bovine Spongiforme Enzephalopathie genannt, hatte das Düsseldorfer Maklerhaus Schnigge in seinem Handelssystem die BSE-Aktie freigeschaltet. Und obwohl keinerlei Bilanzen oder Prognosen verfügbar waren, ja nicht einmal Angaben zur Geschäftstätigkeit, stieg der Kurs binnen weniger Stunden von 150,00 auf 200,00 DM. Erst am Nachmittag, als der Ansturm der Anleger allmählich die Telefonleitungen zusammenbrechen ließ, wurde der Aprilscherz aufgedeckt und die fiktive Notierung eingestellt.

Viel Geld und das gesamte Vertrauen verzockt

Ein Blick in die Geschichtsbücher lehrt: Solche Exzesse nehmen früher oder später ein böses Ende. Und wie die Tulpenzwiebel-Hausse im 16. Jahrhundert, die Südsee-Spekulation um 1720 oder die japanische Immobilienblase Ende der 1990er-Jahre entlud sich auch der Aktienboom der Jahrtausendwende in einem fatalen Crash. Reihenweise kollabierten die Firmen, Hunderttausende Anleger verloren einen in Summe dicken zweistelligen Milliardenbetrag und, viel schlimmer, das Vertrauen in die Börse.

Neuer Markt mit 96% Drawdown in drei Jahren

Einen Eindruck von diesem Flurschaden vermittelt der Nemax All Share Index. In den ersten drei Jahren, zwischen März 1997 und März 2000, legte das Kursbarometer, in dem sämtliche Neuer Markt-Aktien enthalten waren, über 1.600% Performance aufs Parkett – nur um dann noch steiler abzustürzen. Zwischen Hoch und Tief lagen wiederum nur drei Jahre, aber knapp 96% (!) Verlust, bis die Deutsche Börse AG am 5. Juni 2003 den Stecker zog. Der Neue Markt wurde final beerdigt und damit die Überreste bloß nicht die heilige Dreieinigkeit aus DAX, MDAX und SDAX verseuchen konnten, gab’s mit dem TecDAX einen vierten Auswahlindex.

Die einstige Restrampe hat sich sogar ziemlich gut geschlagen und in den letzten zehn Jahren sogar fast doppelt so stark zugelegt wie der DAX. Um die alten Gipfel aus Nemax-Zeiten wieder zu erklimmen, müssten die Kurse sich aber immer noch mehr als verdreifachen – was wohl so schnell nicht passieren wird. Anders dagegen die Situation beim US-amerikanischen Pendant: Der Nasdaq Composite, anno 2000 nicht ganz so extrem aufgeblasen wie der Nemax, konnte bereits im August 2016 ein neues Allzeithoch markieren.

Top-Firmen sind viel mehr wert als zu Neuer Markt-Zeiten

Aber wir wollen nicht jammern. Denn während der Index nach wie vor unter Wasser liegt, sind einige Unternehmen heute deutlich mehr wert als zu Neuer Markt-Zeiten. Ganz vorne dabei ist mit CTS Eventim sogar echter DividendenAdel: Die Ticketing-Plattform mit angeschlossener Konzertagentur war im Frühjahr 2000 an die Börse gegangen und hatte kurze Zeit später (splitbereinigt) einen Höchstkurs von 3,88 Euro erreicht. Anschließend ging’s weit in den Penny Stock-Bereich hinab, bis 2003 die Trendwende gelang. Inzwischen notiert die Aktie weit über 30,00 Euro – 800% über dem alten Allzeithoch. Dazu gibt’s nun schon im zwölften Jahr Dividende, demnächst wohl die neunte Anhebung in Folge.

Auch einige andere Firmen aus dem DividendenAdel Deutschland sind Überlebende vom Neuen Markt. Grenke etwa bringt heute dreieinhalb mal so viel Börsenwert auf die Waage wie in der New Economy-Ära, das 2016 mit einem DividendenAdel-Award ausgezeichnete Software-Haus Bechtle kommt auf 160% Plus und die Raumfahrt-Techniker von OHB sind doppelt so viel wert wie 2001.

Von einst 330 Firmen sind noch 150 notiert

In Spitzenzeiten waren über 330 Firmen am Neuen Markt notiert, von denen heute noch knapp 150 gelistet sind. Viele krebsen am Existenzminimum, doch immerhin 54 Firmen haben in den letzten zehn Jahren mindestens fünfmal Dividende gezahlt. Und 19 Unternehmen kommen sogar auf acht oder mehr Ausschüttungen hintereinander – angeführt vom Vakuumpumpen-Spezialisten Pfeiffer und dem Smart Card-Hersteller Mühlbauer, die ihre Dividende in den letzten 18 Jahren zwar bisweilen gesenkt, aber nie ganz gestrichen haben.

Für unsere „Top 7“ hätten wir dann aber doch gerne ein bisschen mehr Kontinuität. Fünf Jahre ohne Kürzung sollten’s schon sein, dazu keine Null vor dem Rendite-Komma (wodurch Isra Vision ausscheidet) und für die letzten fünf Jahre eine möglichst hohe Dividenden-Dynamik. Am besten schneiden dabei Grenke und CTS Eventim ab – gefolgt vom Ingenieurdienstleister Bertrandt, einem der beiden Unternehmen, die am 10.03.1997 den Neuen Markt eröffnet haben. (Der andere Debütant war übrigens die untergegangene Mobilcom, in deren Börsenmantel nun die einstige Tochtergesellschaft Freenet weiterlebt, ebenfalls ein respektabler Dividendenzahler).

Top 7 wird dominiert von Software-Firmen

Hinzu kommen vier Firmen aus dem Software- und IT-Bereich, darunter mit USU Software eine weitere Aktie aus dem DividendenAdel Deutschland. Schnäppchenjäger werden hingegen eher auf GFT Technologies schauen: Das auf die Finanzindustrie fokussierte Systemhaus hatte zuletzt schwächere Zahlen gemeldete und notiert rund 45% unter dem Hoch vom Dezember 2015. Langfristig sollten die positiven Effekte der Fintech-Disruption jedoch stärker sein als die Brexit-Risiken.

Ein Rendite-Renner ist GFT allerdings nicht – anders als unser Favorit Syzygy. Die E-Business-Agentur gehört zu den wenigen Unternehmen, bei denen eine Vollausschüttung das Geschäft nicht beeinträchtigt. Dazu ist das Papier taktisch gut abgesichert: Mehrheitseigner ist das britische Werbe-Netzwerk WPP, das 2015 im Rahmen eines Übernahmeangebots 9,00 Euro je Aktie geboten hatte, bislang jedoch nur auf gut 50% der Anteile kommt. Sofern die derzeit mit gut 11,00 Euro gehandelten Syzygy-Anteile sich dem einst offerierten Preis nähern, dürfte WPP weiter zukaufen. Unabhängig davon wird auch immer mal wieder über ein neues Angebot spekuliert.

Wer sich hier oder bei anderen Aktien engagiert, die nicht in einem der Auswahl-Indices enthalten sind, sollte sich unbedingt der eingeschränkten Liquidität bewusst sein. Die Börsenpreise können ohne ersichtlichen fundamentalen Grund auch mal zweistellig schwanken, weshalb Orders streng limitiert werden müssen.

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Christian W. Röhl
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