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14.05.2017 18:32

DAX: Keine Angst vor dem Allzeit-Hoch (das keines ist)

Nach zweijähriger Durststrecke hat der DAX jetzt in drei Wochen zehn neue Allzeit-Hochs aufs Parkett gelegt. So mancher Anleger bekommt da Höhenangst. Doch erstens sind die jüngsten Bestmarken (noch) keine echten Kurs-Rekorde. Und zweitens lassen sich neue Höchstkurse sogar als Einstiegssignale deuten: Wer den inneren Schweinehund überwindet und systematisch in die DAX-Aktien investiert, die ihrem Gipfel am nächsten sind, hat seit 2002 dreimal so gut abgeschnitten wie der Index. Allzu simpel gestrickten Schnäppchenjägern drohen hingegen herbe Verluste.

Gipfelsturm auf dem Frankfurter Börsenparkett: Gleich dreimal – am Montag, am Dienstag sowie schließlich am Freitag – konnte der DAX in der vergangenen Woche auf Schlusskursbasis ein neues Allzeit-Hoch erklimmen. Nach der zweijährigen Durststrecke seit den Bestmarken vom Frühjahr 2015 stehen damit für dieses Jahr schon zehn Index-Rekorde zu Buche. Angesichts dieser Dynamik scheint es nur noch eine Sache von Tage, bis der DAX in die bloß noch gut 200 Zähler entfernte 13.000er Region vorstößt.

Performance-Index trübt Blick auf die Kurse

Doch Bergsteiger wissen: Je weiter es nach oben geht, umso dünner wird die Luft. Und in der Tat gibt es keinen Grund, die Champagnerkorken knallen zu lassen. Die jüngsten DAX-Höchststände sind nämlich überhaupt keine echten Kursrekorde, sondern resultieren lediglich aus der Index-Konstruktion. Denn im Gegensatz zu fast allen anderen Börsenbarometern ist der DAX ja ein Performance-Index, der neben den Kursveränderungen der erhaltenen Aktien auch die gezahlten (Brutto)-Dividenden erfasst und reinvestiert – und daraus entsteht ein veritabler Rendite-Turbo.

Das erschließt sich beim Blick auf den öffentlich kaum bekannten Kursindex, bei dem die Dividenden nach internationalem Vorbild unter den Tisch fallen. Der nämlich notiert aktuell bei 6.091 Punkten noch marginal unter seinem Allzeit-Hoch vom Frühjahr 2015 – und ungefähr auf demselben Niveau wie Anfang 2000. Im Klartext: Gemessen am DAX sind die Preise der größten deutschen Aktiengesellschaften in 17 Jahren per saldo kein Bisschen gestiegen, verdienen konnten Aktionäre nur an der Dividende.

Allzeit-Hoch lädt Performance-Party

Zugegeben, der Vergleich ist nicht ganz fair, schließlich hatte der New Economy-Hype den DAX zur Jahrtausendwende kräftig aufgeblasen. Dennoch sind neue Höchststände nicht per se ein Warnsignal, sondern einfach die natürliche Konsequenz positiver Trends – und obendrein sogar eine Einladung zur großen Performance-Party.

Highflyer verdreifachen den DAX-Gewinn

Denn wer seit 2002 – längere Zeiträume deckt die Equity Screening-Funktion von Bloomberg für deutsche Aktien leider nicht ab – immer zum Quartalsanfang gleichgewichtet diejenigen fünf DAX-Aktien im Portfolio versammelt hat, die ihrem Zehn-Jahres-Hoch gerade am nächsten waren, konnte die Wertentwicklung des Index ungefähr verdreifachen. Inklusive reinvestierter Dividenden kommt eine „DAX High 5“-Strategie nach gut 15 Jahren auf ein Plus von veritablen 460%, während der DAX per saldo „nur“ 150% zugelegt hat.

Es kann sich also lohnen, den inneren Schweinehund zu überwinden und gegen alle psychologischen Widerstände systematisch in die Unternehmen zu investieren, die beim Gipfelsturm ganz vorn dabei sind. Allzu simpel gestrickte Schnäppchenjäger, die bei abgestürzten Aktien per se das größte Potential wittern, kommen hingegen ganz und gar nicht auf ihre Kosten: Der „DAX Low 5“-Basket, in den jedes Quartal die fünf Aktien eingehen, die von ihrem Zehn-Jahres-Hoch am weitesten entfernt sind, hat über eineinhalb Jahrzehnte sogar kräftig Geld verbrannt und notiert sage und schreibe 63% im Minus.

Langfristige Kursrekorde reflektieren Qualität

Und das ist auch kein Wunder. Denn wenn eine Aktie meilenweit von ihrem langfristigen Höchstkurs entfernt ist, dann hat das in aller Regel handfeste fundamentale Gründe. Das beweist auch der Blick auf die aktuellen „Low 5“-Titel: Commerzbank, Deutsche Bank, E.ON, RWE und ThyssenKrupp.

Umgekehrt gibt es zwar immer wieder Übertreibungen, doch spiegeln langfristige Kursrekorde vor allem nachhaltige Unternehmensqualität wider. Kein Zufall also, das der „High 5“-Basket derzeit mit SAP und Siemens zwei DividendenAdel-Aktien enthält und darüber hinaus Beiersdorf, Infineon und die Deutsche Börse umfasst – die zwar nicht alle unsere Kriterien erfüllen, aber entweder mit Kontinuität oder Dynamik punkten.

„Cool bleiben“ gilt nicht nur in Crash-Zeiten

Insofern, keine Angst vor neuen Allzeithochs. Wobei das natürlich kein Appell sein soll, jetzt die letzten Kröten zusammenzukratzen und in den Aktienmarkt zu pumpen. Das macht genauso wenig Sinn wie der zumeist von wenig Erfolg gekrönte Versuch, am (vermeintlichen) Hoch zu verkaufen, um zu tieferen Kursen wieder einzusteigen. Stattdessen gilt auf dem Allzeit-Hoch dasselbe wie bei Rücksetzern: Sich nicht von der Börse verrückt machen lassen, die eigene Strategie durchhalten, Sparpläne bzw. Investment-Tranchen fortführen – und natürlich, gerade jetzt im Wonnemonat Mai, fleißig Dividenden kassieren.

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Christian W. Röhl ist Unternehmer, Kapitalmarkt-Stratege – und Investor, der sein eigenes Vermögen verwaltet. Einblicke in seinen Investment-Alltag gibt der Autor des manager magazin-Bestsellers "Cool bleiben und Dividenden kassieren" auf seinem Blog DividendenAdel sowie in Vorträgen und Workshops.

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