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18.08.2017 07:15

Dogs of the Dow: Dividenden-Hunde hecheln bloß nebenher

Das 1991 von Michael O’Higgins beschriebene Dogs of the Dow-Portfolio ist sozusagen der Ur-Ahn aller Dividendenstrategien. Doch einfach jedes Jahr die zehn renditestärksten Aktien aus dem Dow Jones kaufen – damit war in den letzten eineinhalb Jahrzehnten keine nachhaltige Überrendite mehr zu erzielen. Dennoch gehören die Hunde von O’Higgins nicht in die zum Bersten gefüllte Kiste mit Investment-Strategien, die die Welt nicht braucht.

Als vor eineinhalb Jahren „Cool bleiben und Dividenden kassieren“ auf den Markt kam, gab’s bisweilen verwunderte Gesichter. Ein ganzes Buch über Dividendenstrategien!? Braucht kein Mensch, denn die Sache mit den Ausschüttungen ist doch ganz einfach: Um mittel- bis langfristig jeden Index zu schlagen, muss man bloß regelmäßig die Aktien mit der höchsten Dividendenrendite ins Portfolio packen.

Zweieinhalb Prozentpunkte mehr mit Dividenden

So steht’s zumindest in „Beating the Dow“, dem bereits 1991 erschienenen Bestseller von Michael O’Higgins. Darin weist der US-Vermögensverwalter nach: Wer seit Anfang der 1970er Jahre aus den 30 Aktien des Dow Jones Industrial Average immer zum Jahresanfang die zehn renditestärksten herausgepickt hat, konnte pro Jahr im Durchschnitt gut zweieinhalb Prozentpunkte mehr einfahren als mit einem reinen Index-Investment. Zweieinhalb Prozentpunkte, das hört sich nach Kleckerbeträgen an. Aber bei anfänglich 10.000 Dollar summiert sich dieser Vorsprung über 20 Jahre bereits auf satte 16.386 Dollar.

Bester Kumpel oder hässliches Entlein?

Dass die O’Higgins-Strategie in den USA sehr schnell sehr populär geworden ist, dürfte auch am originellen Namen liegen: Dogs of the Dow. Dabei hat die Begrifflichkeit nichts mit kläffenden Vierbeinern zu tun. Vielmehr kann mit dog in der amerikanischen Umgangssprache einerseits der beste Kumpel eines Mannes gemeint sein, andererseits aber auch ein Fräulein mit… nun ja, einem vom klassischen Schönheitsideal abweichenden Antlitz.

Hierzulande würde man wohl am ehesten vom hässlichen Entlein sprechen – und genauso sieht O’Higgins Unternehmen mit hoher Dividendenrendite: Zu Unrecht verschmäht, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Börsianer die Unterbewertung erkennen und die Aktie so lange hochkaufen, bis die Rendite im Zuge steigender Kurse wieder auf Normalmaß gesunken ist.

Dogs of the Dow seit 2000 nur Durchschnitt

Ein durchaus plausibler Ansatz. Doch in der jüngeren Vergangenheit ist es mit dem Vorsprung nicht mehr so weit her: Seit Anfang 2000 kommen die Dogs of the Dow inklusive reinvestierter Dividenden auf ein Plus von 217%. Für den Index stehen – ebenfalls auf Total Return-Basis – 195% zu Buche. Wahrlich kein Unterschied, der den mit jährlicher Umschichtung verbundenen Aufwand rechtfertigen würde.

Kein nachhaltiger Vorsprung

Noch interessanter als das nackte Fazit ist die Entwicklung des Vorsprungs, im Chart blassblau hinterlegt. Hier erkennt man: Anfang des Jahrtausends waren die Dogs of the Dow dem Index in der Tat weit voraus. Doch während der Finanzkrise ist die über Jahre aufgebaute Überrendite der O’Higgins-Strategie binnen weniger Monate komplett dahingeschmolzen. Vermeintliche Dividendenperlen wie die Pleite-Firma General Motors oder die Großbanken JPMorgan und Citigroup konnten die Ausschüttung nicht halten und kamen noch stärker unter die Räder als der Gesamtmarkt.

DOGS vs. DJITRNach der Krise knüpften die „Hunde“ dagegen an ihre alte Stärke an. Sukzessive ging die Schere wieder auseinander – bis Anfang 2016. Seitdem läuft der Index deutlich besser. Den schrumpfenden Vorsprung als schlechtes Omen für den Gesamtmarkt zu interpretieren, scheint zwar etwas weit hergeholt. Hinter den Outperformance-Qualitäten der Dogs of the Dow steht hingegen ein dickes Fragezeichen.

Die billigsten Hunde im Fünferpack

Das gilt auch für eine Abwandlung der ursprünglichen Strategie. Dabei werden jedes Jahr nur fünf statt zehn Aktien gekauft – und zwar diejenigen mit dem niedrigsten Kurs. Das mag auf den ersten Blick etwas albern wirken. Denn der absolute Preis sagt ja nichts über die Unternehmensqualität aus. Allerdings war es in den USA jahrzehntelang üblich, dass Firmen ihre Aktien im Verhältnis 1:2, 1:3 oder 1:4 gesplittet haben, sobald der Kurs sich oberhalb von 100 Dollar etabliert hatte

Es war einmal die Split-Tradition…

Insofern konnte ein optisch günstiger Preis durchaus auf gewisses Nachholpotential hindeuten. Doch diese Zeiten sind lange vorbei, seit Warren Buffets Investment-Holding Berkshire Hathaway nicht mehr der einzige Performance-Dauerrenner ist, der auf Splits verzichtet. Im Dow Jones wäre bei Boeing, Goldman Sachs und 3M eigentlich längst ein Split fällig gewesen. Alle drei Firmen notieren über 200 Dollar – ganz zu schweigen von Priceline, Google oder Amazon, die zwar (noch) nicht im traditionsreichsten Aktienindex der Welt enthalten sind, deren Aktien aber sogar schon in vierstellige Regionen vorgestoßen sind.

Dieselbe Performance, nur höhere Schwankungen

Unter diesem Paradigmenwechsel leidet auch die Low 5 genannte Ableitung der O’Higgins-Strategie. Die Bilanz sieht ähnlich aus wie bei den klassischen Dogs of the Dow – abgesehen davon, dass der Fünferpack in den Nuller Jahren noch schneller gestiegen und noch dramatischer abgestürzt ist. Outperformance auch hier Fehlanzeige. Stattdessen, weil das Portfolio nur halb so groß ist, ein erhöhtes Risiko, dass man in Value-Fallen à la General Motors tappt.

FIVE vs. DJITRAuch der DAX taugt nicht fürs Hunderennen

In Deutschland dasselbe Bild. Sich einfach jedes Jahr die zehn Rendite-Schwergewichte aus dem DAX ins Depot legen – damit ist man mal ein bisschen besser und mal ein bisschen schlechter als der Index. Ein dauerhafter, von einzelnen Marktphasen unabhängiger Vorsprung stellt sich aber nicht ein. Genau das sollte jedoch der Anspruch sein, wenn man Aktien nicht einfach kauft und (im besten Falle) ewig hält, sondern mehr oder weniger häufig umschichtet.

DAXDOGS vs. DAXBlaupause für systematisches Portfoliomanagement

Dennoch gehören die Dogs of the Dow nicht in die zum Bersten volle Kiste mit Investment-Strategien, die die Welt nicht braucht. Im Gegenteil, O’Higgins zeigt exemplarisch auf, wie systematisches Portfoliomanagement funktioniert. Eben nicht nach Lust und Laune aus dem Bauch heraus, sondern regelmäßig anhand klar definierter Kriterien.

Einfachheit ist dabei durchaus ein Erfolgsfaktor. Nur ist die Dividendenrendite als alleinige Entscheidungsgrundlage eben etwas zu simpel. Da braucht’s schon ein bisschen mehr – vor allem Kontinuität, Ausschüttungsquote und Dynamik. Dann klappt’s langfristig auch mit der Outperformance, weshalb die 256 Seiten „Cool bleiben…“ eben doch genauso ihre  Berechtigung haben wie diese Website.

 

Christian W. Röhl ist Unternehmer und Kapitalmarkt-Stratege – vor allem aber Investor, der sein eigenes Vermögen verwaltet. Einblicke in seinen Investment-Alltag gibt der Autor des manager magazin-Bestsellers „Cool bleiben und Dividenden kassieren“ in Vorträgen und Seminaren sowie auf seinem Blog DividendenAdel und bei Twitter (@CWRoehl).

Sämtliche Inhalte nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr für Aktualität, Richtigkeit, Vollständigkeit und Genauigkeit. Die Kolumne dient nur der Information und stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der erwähnten Wertpapiere dar. Der Autor haftet nicht für materielle und/oder immaterielle Schäden, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der Inhalte oder durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Inhalte verursacht wurden.

Christian W. Röhl ist Unternehmer, Kapitalmarkt-Stratege – und Investor, der sein eigenes Vermögen verwaltet. Einblicke in seinen Investment-Alltag gibt der Autor des manager magazin-Bestsellers "Cool bleiben und Dividenden kassieren" auf seinem Blog DividendenAdel sowie in Vorträgen und Workshops.

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