Themenspecial: Zinsanlagen

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Kommentar: EZB

Kommentar: EZB

Sackgasse für die EZB?

Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass es sich um eine Verzweiflungstat handelt. Zwar hat die EZB auf ihrer Zinssitzung am 10. März noch einmal zu einem Paukenschlag ausgeholt und eine ganze Reihe geldpolitischer Maßnahmen beschlossen, um den Deflations- und Konjunkturrisiken in der Eurozone zu begegnen. Doch die Wirkung ist an den Märkten verpufft. Die Stimmung hat gedreht, und die Marktteilnehmer scheinen die Ohnmacht der EZB zunehmend zu spüren.

Das Maßnahmenpaket der Notenbank umfasst Zinssenkungen; neben der Senkung des Einlagenzinssatzes um 10 bp auf -0,40% hat sie dieses Mal auch den Spitzenrefinanzierungssatz sowie die Leitzinsen (Hauptrefinanzierungssatz) um jeweils 5 bp auf 0,25% und 0% reduziert. Darüber hinaus hat die EZB das Volumen ihres monatlichen Anleiheankaufprogramms ab April um 20 Mrd. Euro auf 80 Mrd. Euro erhöht – ab Ende des zweiten Quartals beinhaltet diese Summe zusätzlich zu den bisherigen Anleiheklassen zudem den Kauf von Unternehmensanleihen mit Investment Grade-Rating. Der Maßnahmen nicht genug, haben die Währungshüter vier weitere gezielte Langfristtender (TLTRO II) von Juni 2016 bis März 2017 mit jeweils einer Laufzeit von vier Jahren beschlossen. Die Langfristtender werden zum dann gültigen Hauptrefinanzierungssatz begeben. Für Banken, deren Kreditvergabe eine bestimmte Schwelle überschreitet, kann der entsprechende Zinssatz bis zum Einlagenzinssatz sinken. Insgesamt dürfen sich die Banken Geld in Höhe von bis zu 30% der zum 31. Januar 2016 ausstehenden Kredite ausleihen.

Anders als im Dezember hat die EZB damit ein überraschend weitreichendes Maßnahmenpaket verkündet und dürfte die Erwartungen der Marktteilnehmer übertroffen haben. Doch die Marktreaktion fiel trotzdem nicht wie von der Notenbank wahrscheinlich erhofft aus. Die Renditen der Bundesanleihen sind gestiegen, während der Euro gegenüber dem US-Dollar aufgewertet hat.

Was ist passiert? Die Marktteilnehmer zweifeln anscheinend daran, dass die EZB noch viel mit ihrer Geldpolitik ausrichten kann. Mit anderen Worten, sie glauben nicht mehr an eine signifikante Stimulierung der Kreditvergabe und damit eine spürbare Zunahme der Konjunkturdynamik in der Eurozone sowie wieder steigender Inflationsraten. Es hat eine Art Gewöhnungseffekt gegenüber der „Feuerwehrpolitik“ der EZB eingesetzt, nach dem Motto, die Notenbanker beschließen eine Maßnahme nach der anderen, doch so recht zünden wollen diese nicht.

Zudem ist die EZB so langsam am Ende ihrer geldpolitischen Möglichkeiten angekommen, d.h. ihr Gestaltungsspielraum schwindet, obwohl sie reflexartig wiederholt, wie groß ihr Instrumentenkoffer weiterhin ist. Doch was bleibt ihr tatsächlich noch übrig? Die Zinsen können nicht unendlich in den negativen Bereich geschleust werden – eine Tatsache, die auch die Notenbank anerkennt. Das Anleiheankaufprogramm stößt in Bezug auf den Kauf neuer Anleihearten und eine Aufstockung der Volumina angesichts von Liquiditätsproblemen an seine Grenzen. Einzelmaßnahmen sind noch möglich, doch diese dürften wenig Durchschlagskraft entfalten. So kann die EZB nur ihre Strategie ändern, indem sie wieder mehr Zuversicht verbreitet und ihre Krisenpolitik beendet. Die Notenbank muss das Vertrauen in die Konjunkturerholung und damit in ihre Politik stärken. Ein größeres Zutrauen der Unternehmen würde zu steigenden Investitionen führen. Doch dafür bedarf es zunächst einmal einer Änderung ihrer Kommunikation.

Sintje Boie


Sintje Boie - HSH Nordbank
Zur Person

Sintje Boie ist Senior Analystin bei der HSH Nordbank und im Team Volkswirtschaft & Research für Themen rund um die EZB und die Eurozone zuständig ist.