22.11.2018 16:00
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Meinung weekly: Bredouille für die EZB

Die Konjunktur in der Eurozone schwächt sich ab. Eine Tendenz, die schon seit längerem zu beobachten ist. Im ersten Halbjahr 2018 ist die Wachstumsdynamik geringer ausgefallen als im Vorjahr. Und das dritte Quartal zeigt mit einem BIP-Zuwachs von 0,2 % gegenüber dem Vorquartal eine nochmalige Verlangsamung an. In Deutschland scheint im europäischen Vergleich sogar noch mehr Sand im Getriebe zu sein. Hier ist die Wirtschaftsleistung von Juli bis September sogar um 0,2 % geschrumpft.

Die Gründe dafür sind einerseits bei einer nicht mehr so stark expandierenden Weltwirtschaft zu finden, deren Pfad durch die Handelsstreitigkeiten und das höhere Niveau an Protektionismus gedämpft wird. Andererseits spielen aber auch die Risiken eine Rolle, die sich aus dem Haushaltsstreit mit Italien und einem möglichen ungeordneten Brexit ergeben. Für Deutschland kommt im dritten Quartal noch ein Sondereffekt hinzu. Es gab Schwierigkeiten bei der Einführung eines neuen Abgasprüfverfahrens, das die Auslieferung von neuen Autos verzögerte und damit die Produktion in der Automobilbranche spürbar dämpfte. Dies hat sich bei der Exportentwicklung und beim Privaten Konsum negativ bemerkbar gemacht und sich auf die Wirtschaftsleistung der gesamten Eurozone ausgewirkt.

Der beschriebene Bremseffekt dürfte zum Jahresende wieder wegfallen, aber setzt sich der Konjunkturaufschwung in der Eurozone dann fort? Stimmungsindikatoren – wie die Einkaufsmanagerindizes oder der ifo-Geschäftsklimaindex – befinden sich seit dem Jahresanfang 2018 auf dem Rückzug. Im Sommer hatte man auf eine Stabilisierung auf den damaligen Niveaus gehofft, doch diese wollte sich nicht so richtig einstellen. Im Oktober sind die Einkaufsmanagerindizes recht deutlich zurückgegangen, für Italien befinden sie sich sogar unterhalb der wichtigen 50-Punkte-Grenze, was auf eine Rezession für das Land hindeutet. Auch der ifo-Geschäftsklimaindex ist zuletzt gesunken. Demnächst stehen die Veröffentlichungen für November an. Die Frage ist natürlich, ob sich die Abwärtsfahrt fortsetzt.

Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft in der Eurozone zum Jahresende und auch im nächsten Jahr mit soliden Wachstumsraten expandiert. An die Dynamik aus 2017 kann aber nicht mehr angeknüpft werden. Denn die Rahmenbedingungen bleiben mit dem durch die EZB geschaffenen Niedrigzinsumfeld und einer guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt günstig. Nichtsdestotrotz gibt es mit den Handelsstreitigkeiten, die das Wachstum weiter dämpfen könnten, oder einer Eskalation der Italien-Krise erhebliche Risiken für die Konjunktur. Diese können schnell die Expansion zum Erliegen kommen lassen.

Der Job der EZB wird dadurch nicht einfacher. Dass sie ihre monatlichen Nettoanleiheankäufe zum Jahresende einstellt, daran gibt es wohl nicht mehr so viel zu rütteln. Schwieriger ist der weitere Pfad der geldpolitischen Normalisierung. Eigentlich war eine erste Zinsanhebung in der Eurozone für das zweite Halbjahr 2019 avisiert. Wenn sich die Konjunktur weiter solide entwickelt und die Inflation ihre Aufwärtstendenz fortsetzt, dann dürfte die Notenbank auch daran festhalten. Sollten sich jedoch die benannten Risiken manifestieren, könnte die EZB zurückrudern und ihre Normalisierung der Geldpolitik noch einmal verschieben.

Das ist aber durchaus mit Vorsicht zu genießen. Die Währungshüter riskieren, „behind the curve“ zu fallen. Denn der Aufschwung in den USA läuft allmählich aus und möglicherweise fällt das Land 2020 in eine leichte Rezession. Damit schließt sich das Zeitfenster für die EZB, denn das dürfte auch seine Spuren in der Eurozone hinterlassen. Die Krisenpolitik dürfte uns dann unangemessen lange erhalten bleiben.


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