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25.07.2017 19:52

Piotroski F-Score (Teil 2): So hilft der Bilanz-Professor beim Investieren

Neun Kennzahlen von Cashflow bis Verschuldung, keine Prognosen, nur harte Fakten aus der Bilanz: Mit dem Piotroski F-Score erhalten Anleger einen schnellen Einblick in die finanzielle Qualität eines Unternehmens. Wer durch die Brille des Stanford-Professors auf den Kurszettel schaut, entdeckt bisweilen Aktien, die man sonst oft nicht auf dem Radar hat. Doch der F-Score ist mehr als nur Inspirationsquelle. Er kann auch bei der regelmäßigen Depotüberprüfung helfen und systematische Value-Strategien aufpeppen.

Neun Kennzahlen von Cashflow bis Verschuldung, keine Prognosen, nur harte Fakten aus der Bilanz – mit dem Piotroski F-Score (Basics siehe Teil 1) erhalten Anleger schnelle Einblicke in die finanzielle Qualität eines Unternehmens. Dabei legt Stanford-Professor Joseph D. Piotroski strenge Maßstäbe an: Mindestens acht Punkte sollte eine Firma schon erreichen, damit sie in seinen Augen für ein Investment infrage kommt.

Kaum deutsche Piotroski-Aktien

Auf dem deutschen Kurszettel bleibt unter dieser Prämisse freilich nicht mehr viel übrig. Von den 160 Aktien, die in den vier Auswahl-Indices der Deutschen Börse versammelt sind (DAX, MDAX, SDAX, TecDAX), überspringen gerade einmal zehn die Piotroski-Hürde, drei davon mit dem Optimum von neun Punkten.

Piotroski F-Score Deutschland

Der erlauchte Kreis ist bunt gemischt: Aktuelle Highflyer wie der Pumpen-Spezialist Pfeiffer Vacuum oder der Druckmaschinen-Hersteller König & Bauer, Turnaround-Kandidaten wie SMA Solar oder Klöckner & Co. – gemischt mit reinrassigem DividendenAdel (CTS Eventim) und den beiden Sport-Legenden Puma und Adidas, dem einzigen DAX-Titel.

Der F-Score in der Eurozone

Auch im EURO STOXX, der die knapp 300 wichtigsten Aktien der Eurozone bündelt, ist die Ausbeute nicht wirklich ergiebig. Lediglich acht Titel würde Prof. Piotroski sich näher anschauen – darunter mit der Sportwagen-Schmiede Ferrari und dem für sündhaft teure Winterjacken bekannten Modelabel Moncler zwei italienische Luxus-Firmen, bei denen Produkt- und Finanzqualität Hand in Hand gehen.

Piotroski F-Score EuropaDoch das ist kein Muss, denn auch ein Massenproduzent wie Renault kann die volle Punktzahl schaffen. Und der österreichische Ziegelhersteller Wienerberger und der iberische Flughafenbetreiber Aena sind ebenfalls nicht die typischen Qualitätsaktien.

Inspiration abseits der typischen Qualitätsaktien

Genau das macht den Blick durch die Piotroski-Brille jedoch so reizvoll: Man entdeckt Firmen, die man für gewöhnlich nicht auf dem Radar hat – und kann dann schauen, ob diese in die eigene Strategie passen. Aus DividendenAdel-Perspektive ist das bei den Euro-Aktien allerdings eher unbefriedigend. Denn Ferrari, Moncler und Aena sind erst in den letzten drei Jahren an die Börse gekommen und verfügen somit noch nicht über eine ausreichend lange Historie. Renault und Wienerberger hingegen haben den letzten Krisen-Crashtest nicht bestanden. Beide mussten 2009/10 eine zweijährige Dividendenpause einlegen.

Regelmäßige Depot-Überprüfung: Buy & Hold & Check

Doch der F-Score lässt sich ja nicht nur als Portfolio-Inspiration, sondern auch als Hilfe bei der regelmäßigen Überprüfung des Depots nutzen. Also vielleicht einfach mal den letzten Geschäftsbericht zur Hand nehmen und für jede Position die neun Piotroski-Punkte checken – aber diese bloß nicht zu dogmatisch interpretieren.

Beispiel Fresenius Medical Care: Weil die Liquidität 3. Grades (Current Ratio) sich verringert hat, während die Zahl der ausstehenden Aktien gestiegen ist, kommt der Dialyse-Weltmarktführer aus dem DAX aktuell nur auf sieben von neun Punkten. Das ist freilich immer noch ein Top-Score und definitiv kein Grund, die Aktie verkaufen. Stutzig sollten Anleger hingegen werden, wenn der Piotroski-Faktor von einem aufs andere Jahr kräftig absackt – etwa von zuvor über sechs Zählern auf nur noch drei.

Piotroski unterstützt Value-Investoren

Parallel lassen sich aus dem F-Score aber auch mechanische Strategien ableiten. Interessant ist das vor allem für Value-Investoren, die nach günstig bewerteten Aktien Ausschau halten. Denn klassische Value-Kennzahlen wie das Kurs/Buchwert-Verhältnis (KBV) können oftmals in die Irre führen: Wer aus den 160 deutschen Index-Firmen jedes Quartal gleichgewichtet die zehn mit dem niedrigsten KBV ins Portfolio aufnimmt, wäre seit 2004 sogar mit dem Sparbuch besser gefahren. Während der HDAX sich mehr als verdreifacht hat, ist das KBV-Depot selbst inklusive reinvestierter Dividenden ein Nullsummenspiel gewesen.

Piotroski F-Score Strategie HDAXVerwunderlich ist das nicht, denn wenn die Börsianer nicht bereit sind, den Buchwert eines Unternehmens adäquat zu bezahlen, dann hat das oftmals handfeste Gründe – siehe das jahrelange Kursdebakel bei den Banken, die immer billig schienen, aber dennoch stets zu teuer waren. Wählt man hingegen aus den 160 Index-Aktien diejenigen mit dem höchsten Piotroski-Wert aus und lässt das Kurs/Buchwert-Verhältnis erst in zweiter Instanz entscheiden (nämlich bei identischem F-Score), steht unter dem Strich eine Versechsfachung.

Christian W. Röhl ist Unternehmer und Kapitalmarkt-Stratege – vor allem aber Investor, der sein eigenes Vermögen verwaltet. Einblicke in seinen Investment-Alltag gibt der Autor des manager magazin-Bestsellers „Cool bleiben und Dividenden kassieren“ in Vorträgen und Seminaren sowie auf seinem Blog DividendenAdel und bei Twitter (@CWRoehl).

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Christian W. Röhl ist Unternehmer, Kapitalmarkt-Stratege – und Investor, der sein eigenes Vermögen verwaltet. Einblicke in seinen Investment-Alltag gibt der Autor des manager magazin-Bestsellers "Cool bleiben und Dividenden kassieren" auf seinem Blog DividendenAdel sowie in Vorträgen und Workshops.

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