EUR/GBP monthly: Briten uneinig über ihren Brexit-Kurs
Gegenüber dem Euro hat das Pfund seit Mitte Juni um 1,6 % aufgewertet. Zwischenzeitlich hatte die britische Währung jedoch kräftig an Wert verloren. Der Hauptgrund dafür war mal wieder die Unsicherheit, die durch Großbritanniens geplante Austritt aus der EU hervorgerufen wird. Außerdem war der Euro überraschend stark, was in der guten Wirtschaftslage und der Abnahme politischer Risiken im Euro-Raum begründet ist.
Seit Juni haben sich die Verhandlungsführer des Königreichs und der EU insgesamt drei Mal getroffen, um über die Austrittsmodalitäten zu sprechen. Die Ergebnisse fielen angesichts des kurzen Zeitfensters recht bescheiden aus. Zu keinem der drei Themen der ersten Verhandlungsphase (Austrittszahlung, Bürgerrechte, Grenze zu Irland) konnten sich die Parteien einigen. Bis Oktober wollte man eigentlich diese erste Phase abschließen, um ein ganzes Jahr bis Oktober 2018 für die Gespräche über die zukünftige Handlungsbeziehung zu nutzen. Die anschließende Zeit bis März 2019 sollten dann von den Parlamenten der EU-Mitgliedsländer beansprucht werden, um die Vereinbarungen abzusegnen. Bislang zumindest wollte keines der Kontrahenten große Zugeständnisse machen. Die Briten haben zwar eingewilligt ein Austrittsgeld zu zahlen, aber auf die Höhe wollte sich Theresa May noch nicht festlegen. Experten vermuten hierbei, dass die Briten die Summe der Zahlung als Druckmittel einsetzen wollen, um bessere Konditionen bei den Handelsvereinbarungen zu erzielen. Gleichzeitig ist aus dem britischen Lager zu hören, dass sie eine Übergangszeit befürworten, um den Unternehmen nach dem Brexit mehr Zeit zu geben, sich auf die neue Situation umzustellen. Der vielleicht größte Unsicherheitsfaktor kommt wegen der Uneinigkeit der Briten, ob sie einen „harten“ oder „weichen“ Brexit anstreben. Während die Premierministerin Theresa May für einen Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und aus der Zollunion plädiert, ist die Labour-Partei sowie einige Tory-Mitglieder gegen einen solchen Brexit-Kurs. Die Ereignisse taten dem Pfund jedenfalls nicht gut, weshalb es auch ggü. den meisten großen Währungen zeitweise abwertete.
Hinzu kommt die ungünstige wirtschaftliche Situation auf der Insel. Das britische BIP-Wachstum fiel im zweiten Quartal mit 0,3 % ( QoQ) erneut schwach aus. Damit hat sie ein Niveau erreicht, welches im zweiten Quartal von keinem anderen EU-Land unterboten wurde. Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, dass die Löhne (2,1 %, 3M-YoY, Juli) langsamer wachsen als die Inflation (2,6 % YoY). Folglich sinken derzeit die Reallöhne und der inländische Konsum geht zurück. Das und die geringere Investitionsbereitschaft der Unternehmen haben die Wirtschaftsleistung deutlich abgeschwächt. Interessanterweise hat die Bank of England bei ihrer Zinssitzung am 14.09. eine Zinsanhebung in den nächsten Monaten in Aussicht gestellt. Hintergrund ist die Befürchtung, die Inflation werde bald über die Marke von 3 % steigen.
In der Eurozone hat dagegen der politische Wind spätestens nach dem Sieg von Emmanuel Macron in Frankreich gedreht. Gleichzeitig sieht es konjunkturell sehr gut aus. Nur die Inflation bleibt weiterhin unter der Zielmarke von 2 %. Dennoch hat die EZB angedeutet, im Oktober zu kommunizieren, wie das Anleiheankaufprogramm rekalibriert werden soll. Dies dürfte auf die Ankündigung einer Reduktion der Anleiheankäufe hinauslaufen (Tapering). Sollte sich die Euro-Rallye in dem Tempo fortsetzen, würde das die deflationären Kräfte verstärken und die EZB mit Sicherheit zum handeln zwingen. Bis dahin wird empfohlen auf den Entwicklungsstand des Brexits zu schauen. Die Unfall-Gefahr (Brexit ohne Abkommen) ist etwas geringer geworden, aber immer noch vorhanden.
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