14.10.2016 07:30
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Meinung weekly: Steuert Großbritannien auf eine Rezession zu?

Flash Crash: Das britische Pfund hat in der vergangenen Woche innerhalb weniger Sekunden um 6% gegenüber dem US-Dollar an Wert verloren und alle rätseln darüber, wie es dazu kommen konnte. Die viel wichtigere Frage ist jedoch, ob die offensichtliche Verletzlichkeit der britischen Währung ein Vorbote einer Leistungsbilanzkrise ist, die mit einer tiefen Rezession Großbritanniens verbunden wäre. Das Risiko ist da. Sollte die Regierung unter Premierministerin Theresa May an ihrem "hard Brexit"-Kurs festhalten, dürfte es Realität werden.

Man könnte meinen, dass die Sorgen übertrieben seien. Ein schwaches Pfund ist doch gut für die britische Wirtschaft: Die Exportwirtschaft gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit, die mit Importen konkurrierende Industrie hat neue Expansionschancen und Unternehmen, die im Ausland ihre Erträge erwirtschaften profitieren von währungsbedingten Gewinnsprüngen. Auf diese Weise kann das Vereinigte Königreich aus seinen Leistungsbilanzdefiziten herauswachsen und auf einen soliden Wachstumspfad einschwenken. Woher soll da denn bitteschön die tiefe Rezession kommen? Vertreter dieser These übersehen, dass sich die Abwertung verselbständigen kann, die Importe von Vorleistungen sich entsprechend verteuern würden, was viele Unternehmen vor Existenzprobleme stellen würde. Probleme würden auch die Unternehmen haben, die sich in Euro oder Dollar verschuldet haben, aber Einnahmen in Pfund erhalten. Insgesamt ergäben sich eine signifikante Schrumpfung des BIPs und ein Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Inflation. Im Einzelnen sind folgende Zusammenhänge zu beachten:

1. Die Perspektive, bald keinen Zugang mehr zum EU-Binnenmarkt zu haben - dies kennzeichnet einen harten Brexit -, dürfte Exportunternehmen hemmen, Expansionspläne zu verfolgen, um ihre Produktion zu steigern, da rund die Hälfte ihrer Ausfuhren in andere EU-Länder gehen. Der Vorteil könnte gar nicht ausgespielt werden.

2. Die Leistungsbilanz weist mit etwa 6 Prozent des BIP eine der höchsten Lücken unter den entwickelten Volkswirtschaften auf. Diese Lücke wird bislang unter anderem durch Kapitalzuflüsse bzw. Direktinvestitionen gefüllt. Ohne Zugang zum EU-Binnenmarkt verliert Großbritannien jedoch erheblich an Attraktivität, nicht nur für die Finanzindustrie. Beispielsweise dürfte der Automobilproduzent Nissan - so hat es das Unternehmen angedeutet - auf weitere Investitionen auf der Insel verzichten, wo Nissan jährlich rund eine halbe Million Autos baut, die überwiegend exportiert werden.

3. Ausländer halten auf Bruttobasis u.a. britische Aktien, Anleihen, Immobilien und Beteiligungen im Wert von etwa 400 Prozent des BIP. Wenn einige Ausländer damit beginnen sollten, ihr Kapital wieder aus Großbritannien abzuziehen - etwa weil sie Preiseinbrüche am Immobilienmarkt und eine weitere Abwertung des Pfunds erwarten - kann sich der Wertverlust der britischen Währung beschleunigen.

4. Die Zentralbank stünde einer beschleunigten Abwertung des Pfunds machtlos gegenüber. Sie verfügt lediglich über 25,6 Mrd. US-Dollar an Währungsreserven. Sobald sie diese antasten würde, um den Wechselkurs zu stützen, käme es zum Kollaps - George Soros und 1992 lassen grüßen. Die Bank of England hätte nur die Möglichkeit, den Leitzins zu erhöhen, um kurzfristiges Kapital anzulocken. Die Konsequenz wäre die Verschärfung der Rezession.


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